31
Es war verdammt hart, Dylan am nächsten Morgen zuzusehen, wie sie sich duschte und anzog, und zu wissen, dass sie ging.
Aber Rio versuchte nicht, sie aufzuhalten. Dorthin, wohin sie ging, konnte er ihr nicht folgen - in eine Tageswelt, die sie vermutlich länger von ihm fernhalten würde, als er zugeben wollte. Vielleicht länger, als er ertragen konnte.
Die Stunden, die sie zusammen in seinem Bett verbracht und einen Bund aus ihrem sich vermischenden Blut geschlossen hatten, sowie das Versprechen, dass es kein wirklicher Abschied war, mussten ihm reichen. Zumindest die nächste Zeit.
Er konnte sie nicht von dem Leben zurückhalten, das draußen auf sie wartete, obwohl es ihn fast umbrachte, mit ihr zum Lift des Hauptquartiers zu gehen und die lange Fahrt nach oben mit ihr zu machen, zur Garage, in der sich der Fuhrpark des Ordens befand.
Als sie aus dem Lift traten, blieben sie beide stehen. Rio hielt ihr die Schlüssel zu einem seiner Autos hin. Keines seiner nur knapp legal getunten Sportcoupés, sondern eine solide, sichere Volvo-Limousine.
Verdammt, er hätte sie in einen bewaffneten Panzer gesetzt, wenn er einen für sie gehabt hätte. Er drückte den Entriegelungsknopf der Fernbedienung, und fünf Volvos im hinteren Teil der Garage antworteten mit einem kleinen Piepton.
„Du rufst mich jede Stunde an und sagst mir, dass du okay bist“, sagte er und reichte ihr die Schlüssel und ihr Handy. „Mit der verschlüsselten Nummer, die ich in dein Handy einprogrammiert habe, erreichst du mich direkt. Ich will jede Stunde von dir hören, nur um zu wissen, dass alles in Ordnung ist.“
„Du willst, dass ich einen Strafzettel bekomme, weil ich am Steuer mit dem Handy telefoniere?“ Sie lächelte und hob eine Augenbraue.
„Vielleicht willst du mich auch mit einem GPS-Chip ausrüsten, bevor ich fahre?“
„Im Auto ist schon einer“, sagte er, froh, dass sie es so leicht nahm, wenn schon er es nicht konnte. „Wenn du noch einen Moment hier wartest, werden Gideon oder Niko auch einen für dich rausbringen.“
Dylans leises Lachen klang ein wenig hohl. Sie streckte die Hand aus und fuhr mit den Fingern durch sein Nackenhaar. „Mir fällt es auch schwer, dich verlassen zu müssen, weißt du. Du fehlst mir jetzt schon.“
Er zog sie in seine Arme und küsste sie. „Ich weiß. Wir schaffen das schon irgendwie. Aber es ist mein Ernst, dass ich möchte, dass du mich jede Stunde von unterwegs aus anrufst. Ich will wissen, wo du steckst und dass du sicher zurück nach New York kommst.“
„Das werd ich schon.“ Sie schüttelte den Kopf und lächelte zu ihm hinauf. „Ich ruf dich an, wenn ich am Krankenhaus ankomme.“
„Okay“, sagte er und wusste, dass er unvernünftig war. Sich unnötig Sorgen machte. Nur einen schwachen Vorwand nach dem anderen fabrizierte, wo er doch eigentlich nichts anderes wollte, als sie fest an sich zu drücken und nicht fortzulassen. Er ließ sie los und trat einen Schritt zurück, schob die Hände in die Taschen seiner weiten Jeans.
„Okay. Ruf mich an, wenn du angekommen bist.“
Dylan stellte sich auf die Zehenspitzen und küsste ihn wieder. Als sie sich lösen wollte, konnte er nicht widerstehen und schlang noch ein letztes Mal die Arme um sie. „Ach, zur Hölle noch mal“, fluchte er leise.
„Raus mit dir, bevor ich dich wieder in mein Quartier schleppe und dich an den Bettpfosten kette.“ „Interessante Vorstellung.“
„Erinnere mich später dran“, sagte er, „wenn du zurück bist.“
Sie nickte. „Ich muss los.“ „Klar.“
„Ich liebe dich“, sagte sie und drückte ihm einen zärtlichen Kuss auf die Wange. „Ich ruf dich an.“ „Ich werde drauf warten.“
Rio stand da, die Fäuste tief in den Hosentaschen, und sah ihr nach, wie sie zum Wagen hinüberging. Sie kletterte hinein und ließ ihn an, und dann rollte sie langsam aus dem Parkplatz im Hangar. Sie winkte ihm kurz zu, zu klug, um das Fenster herunterzulassen und ihm eine Chance zu geben, sie doch noch zum Bleiben zu überreden.
Er drückte die elektronische Türöffnung des Hangars und musste die Augen gegen das hellrosa Licht der Morgendämmerung abschirmen, das durch den dichten Baumbestand drang, der das Anwesen umsäumte. Dylan fuhr in den Tag hinaus. Rio wollte warten, bis die Hecklichter um die Kurve der langen Auffahrt verschwunden waren, aber die UV-Strahlung war schon zu stark für seine Augen, selbst für einen Vampir einer späten Generation wie ihn.
Wieder drückte er auf das elektronische Eingabefeld, und die weite Hangartür schloss sich.
Als er unten im Hauptquartier wieder aus dem Lift trat, kam Nikolai wie von Furien gejagt aus dem Korridor, der zum Schießstand führte.
Rio konnte förmlich sehen, wie dem Krieger Dampf aus den Ohren schoss, so wütend war er.
„Was ist los?“, fragte er, und sah ihm in die kalten blauen Augen.
„Der verarscht uns doch“, erwiderte Niko. „Wer?“
„Starkn“, zischte er. „Wie sich rausstellt, hat der regionale Direktor unserer Agentur Mist erzählt. Als Chase und ich uns letzte Nacht mit dem Kerl getroffen und ihm von unserem Verdacht erzählt haben, dass es sich hier um gezielte Mordanschläge handelt, hat er uns versichert, dass er alle der Agentur weltweit bekannten Gen-Eins-Vampire unverzüglich warnt. Na, jetzt rate doch mal, was er nicht getan hat.“
Rio schnaubte verächtlich. „Alle weltweit bekannten Gen-Eins- Vampire unverzüglich gewarnt.“
„Genau“, sagte Niko. „Mein Gen-Eins-Kontakt, Sergej Yakut, sagt, von der Montrealer Agentur, wo er derzeit lebt, hat er kein Sterbenswort gehört, und auch die anderen Gen-Eins-Vampire nicht, die er kennt.
Und der Gipfel ist, heute Morgen hat es wieder einen Anschlag gegeben, dieses Mal in Denver. Wieder wurde ein Gen Eins geköpft, Rio. Diese Scheiße hier wird kritisch, und zwar ziemlich rasant. Da ist irgendwas Großes im Gange.“
„Denkst du, Starkn hat da irgendwie die Finger im Spiel?“
Nikolais kluge blaue Augen waren eisig vor Argwohn. „Allerdings.
Mein Riecher sagt mir, der Mistkerl hat Dreck am Stecken.“
Rio nickte, froh über die Ablenkung von seinem Selbstmitleid wegen Dylan und froh darüber, dass es nun beim Orden wieder für ihn zu tun gab. In seinem Geschäft, seiner Welt.
Als Niko in Richtung Techniklabor davonstürmte, eilte Rio an seiner Seite neben ihm her, genau wie in alten Zeiten.
Die Fahrt von Boston nach Manhattan dauerte etwa fünf Stunden, und so kam Dylan gegen ein Uhr mittags am Krankenhaus an. Sie hatte Rio aus dem Auto angerufen, während sie auf den Parkplatzanweiser wartete, und ihm versichert, dass sie gesund und munter war, dann war sie in die Empfangshalle gegangen und hatte den Aufzug zur Krebsstation genommen.
Gott, wenn man dachte, dass ihre Mom vielleicht gerade einen ihrer letzten Tage hier verbrachte. Einen der letzten Tage als Kranke. Dylan wünschte sich das so sehr, dass der Gedanke sie fast schwindelig machte, als sie im zehnten Stock aus dem Lift stieg und durch die schwingenden doppelten Glastüren ging, die zum Flügel führten, wo ihre Mutter lag.
Die diensthabenden Schwestern hatten offenbar gerade mit einem Druckerproblem zu tun, also ging sie einfach am Schwesternzimmer vorbei, ohne um den aktuellen Stand oder die Ergebnisse der Biopsie zu bitten. Dylan blieb vor der Tür zum Krankenzimmer ihrer Mutter stehen und wollte gerade den Knopf des Desinfektionsmittelspenders drücken, als eine Schwester herauskam. Die Frau trug einen Arm voll halb leerer Infusionsbeutel. Als sie Dylan sah, begrüßte sie sie mit einem kleinen Nicken und lächelte ihr traurig zu.
„Was ist los?“, fragte Dylan, als die Schwester auf den Korridor hinaustrat.
„Wir nehmen sie vom Tropf. Sollte nur etwa eine halbe Stunde dauern, dann wird sie entlassen.“
„Entlassen?“, fragte Dylan mit gerunzelter Stirn. Sie war völlig verwirrt. „Was ist passiert? Sind die Ergebnisse der Biopsie gekommen?“
Ein mildes Nicken. „Heute Morgen.“
Und dem ausdruckslosen Ton nach waren die Ergebnisse nicht gut.
Trotzdem, sie musste fragen, denn sie wollte sich wirklich nicht das Schlimmste ausmalen. „Ich verstehe nicht. Wenn Sie sie vom Tropf nehmen, heißt das, sie kommt in Ordnung?“
Die Krankenschwester machte ein langes Gesicht. „Sie haben noch nicht mit ihr geredet...“
Dylan sah über die Schulter ins Zimmer. Ihre Mutter saß auf dem Bettrand, mit dem Gesicht zum Fenster, und zog sich gerade eine himmelblaue Strickjacke an. Sie war voll angezogen, das Haar gekämmt und frisiert. Sie sah aus, als wäre sie bereit, das Krankenhaus jede Minute zu verlassen.
„Warum wird meine Mutter entlassen?“
Die Schwester räusperte sich. „Ich ... äh, ich meine wirklich, Sie sollten lieber mit ihr darüber reden, in Ordnung?
Als die Frau ging, rieb Dylan sich die Hände mit dem Desinfektionsgel ein und ging hinein.
„Mom?“
Ihre Mutter drehte sich auf dem Bett um und lächelte sie strahlend und glücklich an. „Oh! Dylan. Ich habe dich nicht so schnell zurückerwartet, Liebes. Ich hätte dich später angerufen.“
„Da bin ich ja gerade rechtzeitig gekommen. Ich habe gerade gehört, sie lassen dich in ein paar Minuten nach Hause.“
„Ja“, erwiderte sie. „Ja, es ist Zeit. Ich will nicht länger hierbleiben.“
Dylan gefiel die Resignation, die sie aus der Stimme ihrer Mutter heraushörte, nicht. Es klang zu leichthin, zu akzeptierend.
Sie vernahm darin leise Erleichterung. „Die Schwester hat mir gerade gesagt, dass die Ergebnisse der Biopsie heute früh gekommen sind.“
„Lass uns nicht darüber reden.“ Sie wedelte abwehrend mit der Hand und ging zu dem Tisch hinüber, wo die nun geöffnete Pralinenschachtel lag. Sie nahm sie und hielt sie Dylan hin. „Probier mal eine von diesen Trüffeln. Die sind vielleicht köstlich! Gordon hat sie mir gestern Abend gebracht - übrigens kam er nur ein paar Minuten, nachdem du gegangen warst. Ich wünschte, du wärst etwas länger geblieben und hättest ihn kennengelernt. Er fragt dauernd nach dir, Dylan. Als ich ihm sagte, dass du einen neuen Job suchst, hat er großes Interesse gezeigt ...“
„Ach Mom, das ist doch nicht dein Ernst“, stöhnte Dylan. Schlimm genug, dass ihre Mutter bei ihrem Chef damit angegeben hatte, was Dylan in der Höhle gesehen hatte. Aber dass sie jetzt auch noch vom Krankenbett aus versuchte, Dylan einen Job zu besorgen, war der Gipfel.
„Gordon hat Verbindungen zu einer Menge wichtiger Leute in der Stadt. Er kann dir helfen, Liebes. Wäre es nicht fantastisch, wenn er dich bei einer der großen Agenturen unterbringen könnte?“
„Mom“, sagte Dylan, jetzt schon energischer. „Ich will nicht über einen Job reden oder über Gordon Fasso oder sonst irgendwas. Alles, über was ich jetzt reden will, ist, was mit dir los ist. Offensichtlich sind die Testergebnisse nicht gut ausgefallen. Warum wirst du dann heute entlassen?“
„Weil es das ist, was ich will.“ Sie seufzte und ging zu Dylan hinüber.
„Ich will nicht mehr hierbleiben. Ich will keine Untersuchungen, Schläuche und Spritzen mehr. Ich bin müde, und ich will nach Hause.“
„Was haben die Ärzte gesagt? Können wir mit ihnen über die Ergebnisse der Biopsie reden?“
„Sie können nichts mehr für mich tun, mein Liebling. Außer, das Unvermeidliche noch etwas hinauszuschieben, und auch das nur für eine kleine Weile.“
Dylan senkte die Stimme, sodass sie fast nur noch ein Flüstern war.
„Und wenn ich nun jemanden kennen würde, der dich vielleicht wieder gesund machen kann?“
„Ich will keine Behandlungen mehr. Das ist vorb...“
„Es ist keine Behandlung. Eher so was wie ... alternatives Heilen.
Was man im Krankenhaus nicht bekommt. Es ist keine Garantie, aber es besteht eine Chance, dass du wieder ganz gesund wirst. Ich denke, wir sollten es versuchen, Mom. Ich glaube, es ist die einzige Chance, die wir noch haben ...“
Ihre Mutter lächelte sanft und legte ihre kühlen Finger an Dylans Wange. „Ich weiß, wie schwer das für dich ist, mein Liebes. Das weiß ich wirklich. Aber ich bin diejenige, die diese Entscheidung trifft, und zwar ganz allein. Ich hatte ein erfülltes Leben. Ich hoffe nicht mehr auf ein Wunder.“
„Was ist mit mir?“ Dylans Stimme klang belegt. „Würdest du es wenigstens ausprobieren ... für mich?“
In der langen Stille, die nun folgte, versuchte Dylan verzweifelt, das Schluchzen zu unterdrücken, das in ihrer Kehle aufstieg. Ihr brach es das Herz, aber sie konnte sehen, dass ihre Mutter ihre Entscheidung getroffen hatte. Und das wahrscheinlich schon vor langer Zeit. „Okay“, sagte sie schließlich. „Okay ... dann sag mir, was du möchtest, das ich tue, Mom.“
„Bring mich nach Hause. Lass uns zusammen zu Mittag essen und Tee trinken und einfach nur reden. Das ist es, was ich jetzt am liebsten tun würde, mehr als alles andere auf der Welt.“